Peer-Beratung
Studentische Lern- und Austauschgruppen
Was steckt dahinter – und wofür ist es gut?
Peer-Beratung (auch «kollegiale Praxisberatung» oder «Intervision») ist eine Methode, bei der sich Studierende in kleinen Gruppen (typischerweise fünf bis sieben Teilnehmende) treffen, um eigene Herausforderungen (z.B. bei Hausarbeiten, Praktika oder beim Verstehen komplexer Aufgaben) oder Praxisfälle strukturiert zu bearbeiten. Eine Person bringt einen Fall ein, die anderen übernehmen unterschiedliche Rollen (z.B. Moderatorin, Beraterinnen, Protokollant). Der Ablauf ist klar gegliedert, kann aber zeitlich variieren:
- Einstieg: Alle Teilnehmenden berichten kurz von ihren Anliegen. (≈ 10 Minuten)
- Auswahl: Die Gruppe entscheidet, welches Anliegen bearbeitet werden soll. (≈ 5 Minuten)
- Exposition: Die "problembringende Person“ beschreibt ihr Anliegen und formuliert ihre Frage an die Gruppe. (≈ 10 Minuten)
- Rückfragen: Die Gruppe stellt klärende Fragen zur Situation. (≈ 5 Minuten)
- Feedback: Rückmeldung, was den Zuhörenden beim Zuhören aufgefallen ist. (≈ 5 Minuten)
- Stellungnahme: Die problembringende Person äußert, was sie als relevant empfindet. (≈ 5 Minuten)
- Brainstorming: Sammlung von Lösungsideen oder möglichen Handlungsschritten. (≈ 5 Minuten)
- Stellungnahme / Auswahl: Welche Vorschläge erscheinen sinnvoll, was möchte ausprobiert werden? (≈ 5 Minuten)
- Auswertung: Reflexion darüber, was der Beratungsprozess bei allen bewirkt hat. (≈ 5 Minuten)
Die Fallverantwortung rotiert, sodass alle Teilnehmenden sowohl als Ratsuchende als auch als Beratende aktiv werden. Die Methode fördert nicht nur Problemlösungen, sondern auch Lernprozesse und Reflexionsfähigkeit.
Peer-Beratung eignet sich besonders zum Begleiten von Schreibprozessen, Praxisphasen und Projektarbeiten im Studium.
Aufwand: niedrig
VORBEREITUNG: Strukturierung
NACHBEREITUNG: ggf. Reflexion, Feedback
Einblicke
Begleiten
| Aktivität | Nutzen |
|---|---|
Für ein Seminar richtet die Dozierende regelmässige Peer-Beratungssitzungen ein, in denen Studierende untereinander Probleme bei der Verfassung der Hausarbeit besprechen können. Eine Studentin schildert in der Peer-Beratung, dass sie beim Schreiben ihrer Hausarbeit den roten Faden verliert und zwischen zu viel Literatur feststeckt. Nach der Klärungsrunde schlägt die Gruppe konkrete Schritte vor: ein Exposé mit drei Leitfragen zur Fokussierung, ein Zeitplan mit wöchentlichen Zwischenzielen und die Arbeit mit einer Argumentationsskizze, um Struktur zu gewinnen. |
Durch die Rückmeldungen der Gruppe gewinnt die Studentin Klarheit über den Kern ihres Themas und erkennt, welche Literatur wirklich relevant ist. Die vorgeschlagenen Schritte helfen ihr, den Schreibprozess zu strukturieren, sichtbare Fortschritte zu erzielen und Überforderung abzubauen. |
| Aktivität | Nutzen |
|---|---|
In einem Projektseminar integriert der Dozierende regelmässige Reflexionsrunden zur Teamarbeit, in denen die Studierenden auftretende Probleme besprechen können. Ein Student schildert, dass in seiner Projektgruppe die Aufgabenverteilung unausgewogen ist und Abgabetermine wiederholt verpasst werden. Die Gruppe folgt dem strukturierten Ablauf und kommt zu Lösungen wie gemeinsamer Wochenplan, Rollenklärung und kurze Status-Checks. Zum Schluss wird vereinbart, die Massnahmen in der nächsten Teamsitzung zu testen und zu reflektieren. |
Der Fallgeber erhält konkrete Ansätze zur Verbesserung der Teamkommunikation und Verbindlichkeit. Die Gruppe profitiert, indem sie eigene Teamprozesse kritisch hinterfragt und lernt, Konflikte früh anzusprechen. |
| Aktivität | Nutzen |
|---|---|
Im Laborpraktikum richtet die Lehrperson zu Beginn jeder neuen Versuchsreihe kurze Peer-Beratungen in Kleingruppen ein. Die Studierenden besprechen dort unklare oder komplexe Aufgabenstellungen, bevor sie mit der Durchführung beginnen. In einer Sitzung bringt eine Studentin ein, dass sie nicht sicher ist, welche Messmethode zur Auswertung eines Versuchs geeignet ist. Die Gruppe arbeitet selbstständig nach dem vorgegebenen Ablauf. |
Die Studierenden lernen, Versuchsaufträge eigenständig zu interpretieren und Unsicherheiten im Team zu klären, bevor sie ins Labor gehen. Der Fallgeber erhält konkrete, fachlich fundierte Vorschläge für sein Vorgehen, während alle Beteiligten ihr Verständnis von Versuchszielen, Vorgehen und Auswertung vertiefen. |
Stolperfrei durchstarten
| Was kann herausfordernd sein? | Was hilft in der Praxis? |
|---|---|
| Studierende kennen Methode oder Ablauf nicht. |
Starten Sie mit einer Einführungssitzung; geben Sie ein Handout zum Ablauf und zu den Rollen heraus. |
| Hoher zeitlicher Aufwand. |
Eine einstündige Sitzung ist im Normalfall praxisgerecht und effektiv. |
| Ungenügende Beteiligung oder passives Zuhören. |
Legen Sie Rollen fest; ermutigen Sie alle zur aktiven Teilnahme. Die Moderation achtet auf Ausgewogenheit. |
| Lösungsvorschläge sind wenig konkret. |
Fordern Sie konkret Handlungsschritte: Wer macht was bis wann? Auch ideal: schriftliche Festlegung. |
| Feedback bleibt oberflächlich. |
Geben Sie Anleitung, wie konkretes Feedback gegeben wird (z.B. welche Infos helfen, Beobachtungen, Gefühle, Vorschläge). |
Alternative Methoden
GROW-Modell
Strukturiert den Weg von der Zielidee zur Umsetzung. Legt den Schwerpunkt auf umfassendere Reflexion und Lösungsfindung im Prozess mit Hilfe der Lehrperson.
SMART-Zielsetzung
Fördert strukturierte Zielklärung und konkrete nächste Schritte. Basiert auf individueller Zieldefinition statt sozialer Reflexion zwischen Studierenden.
Lernjournal
Fördert Zielorientierung und Selbststeuerung im Lernprozess. Legt den Fokus auf kontinuierliche Reflexion und Entwicklung, nicht auf wechselseitiges Feedback und gemeinsames Lernen.
Ressourcen
Literatur
Linderkamp, Rita (2011): Kollegiale Beratungsformen. Bielefeld: Bertelsmann.
Nüesch, H. und Good, H. (2008): Kollegiale Praxisberatung (Intervision).
Schulz von Thun, Friedemann (1996): Praxisberatung in Gruppen. Einheim: Beltz.
