Prüfungsfragen Formulierungsregeln

Verständlich fragen, valide prüfen

Gute Prüfungsfragen sind mehr als ein Mittel zur Notenfindung – sie sind ein zentrales Instrument zur Messung von Kompetenzen und für die Rückmeldung über Lernprozesse. Dabei entscheidet nicht nur der gewählte Typ der Prüfungsfrage, sondern vor allem die sprachliche und visuelle Gestaltung darüber, ob eine Frage wirklich das prüft, was sie prüfen soll.

Diese Übersicht enthält zentrale, allgemeingültige Formulierungsregeln für Prüfungsfragen sowie ergänzende Hinweise zur Gestaltung von offenen Fragetypen (Freitext, Datei-Upload) und geschlossenen Fragetypen (insbesondere Single Choice, Multiple Choice, Kprim, Wahr-Falsch, Long Menu, Zuordnung, Anordnung). Zu jeder Regel finden Sie problematische und verbesserte Formulierungen, die typische Stolpersteine sichtbar machen. Die Regeln helfen, Missverständnisse zu vermeiden und vergleichbare Antworten zu ermöglichen.

Formulierungsregeln

Prüfen Sie nur das, was wirklich relevant ist

Prüfen Sie zentrale Learning Outcomes statt Randwissen. Das erhöht die Aussagekraft der Prüfung.

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Problematisch Besser
Wie lautete das Gründungsjahr der WHO? Welches Ziel verfolgt die WHO mit der «Health for All»-Strategie?

Wählen Sie Verben passend zur Taxonomiestufe

Mit dem passenden Verb in der Aufgabenstellung signalisieren Sie die angestrebte Taxonomiestufe (z.B. Verstehen, Anwenden, Beurteilen) des Learning Outcomes.

Wenn das Learning Outcome z.B. lautet: Die Studierenden können das Scheitern eines Experiments analysieren und mit geeigneten theoretischen Konzepten in Beziehung setzen.

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Problematisch Besser

«Nennen Sie Gründe für das Scheitern des Experiments.»

«Analysieren Sie die Gründe für das Scheitern des Experiments anhand theoretischer Konzepte.» 

Formulieren Sie eindeutig und verständlich

Vermeiden Sie sprachliche Mehrdeutigkeiten und unnötig komplizierte Formulierungen. So prüfen Sie das Wissen, nicht das Sprachverständnis.

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Problematisch Besser

Welche der nachfolgenden Formulierungen stellt im Rahmen einer strukturierten Bedarfserhebung im pflegerischen Kontext die zweckdienlichste Option zur standardisierten Erfassung individueller Versorgungserfordernisse dar?

Welche Aussage ist am besten geeignet, um den Pflegebedarf systematisch zu erfassen?

Vermeiden Sie suggestive Formulierungen

Fragen sollen neutral formuliert sein und keine bestimmte Antwort nahelegen. Suggestion mindert die Prüfungsfairness.

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Problematisch Besser

Warum ist es besonders wichtig, dass Pflegefachpersonen empathisch handeln?

Welche Bedeutung hat Empathie in der professionellen Beziehung zwischen Pflegefachpersonen und Patient*innen?

Kontextualisieren Sie mit authentischen Situationen

Ein Fallbezug macht Fragen praxisnäher und relevanter. So aktivieren Sie transferierbares Wissen.

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Problematisch Besser

Was ist bei der Projektplanung zu beachten?

Ein interdisziplinäres Team soll innerhalb von drei Monaten ein neues Softwaretool einführen. Welche Aspekte müssen Sie bei der Projektplanung besonders berücksichtigen?

Geben Sie bei offenen Fragen eine klare Bearbeitungsanweisung

Machen Sie eindeutige Vorgaben zu Umfang oder Struktur, um eine faire Bewertung zu ermöglichen.

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Problematisch Besser

Welche Massnahmen fördern selbstgesteuertes Lernen?

Nennen und erläutern Sie eine Massnahme zur Förderung selbstgesteuerten Lernens (ca. 3–5 Sätze).

Vermeiden Sie zu allgemeine Fragen

Unkonkrete Fragen ohne klaren Fokus erschweren die Bewertung. Präzisieren Sie den erwarteten Inhalt.

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Problematisch Besser

Was wissen Sie über deontologische und utilitaristische Ethik?

Erläutern Sie den Unterschied zwischen deontologischer und utilitaristischer Argumentation anhand eines Fallbeispiels.

Prüfen Sie mit offenen Fragen nicht nur Reproduktion

Nutzen Sie offene Fragen, um höhere Denkprozesse wie Anwenden oder Bewerten zu fördern. So lässt sich vertieftes Verständnis überprüfen.

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Problematisch Besser

Nennen Sie drei Vorteile der Digitalisierung.

Bewerten Sie die Aussage «Digitalisierung verbessert die Lernqualität» anhand eines konkreten Beispiels aus dem Unterrichtsalltag.

Halten Sie die Anzahl der Antwortoptionen stabil

Die Anzahl der Antwortoptionen sollte innerhalb eines Fragetyps möglichst konstant gehalten werden. Für Single-Choice-Fragen gelten fünf Optionen als optimal, bei Multiple-Choice-Fragen sowie Zuordnungs- und Anordnungsfragen sind vier bis fünf Optionen bzw. Elemente üblich.

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Problematisch Besser

Single-Choice-Frage 1: 3 Optionen

Single-Choice-Frage 2: 7 Optionen

Jede Frage 5 Antwortoptionen.

Beschränken Sie sich auf genau eine überprüfbare Aussage pro Option

Antwortoptionen sollten nur eine überprüfbare Information enthalten. Vermeiden Sie logische Abhängigkeiten oder Widersprüche. Sonst bleibt unklar, worauf sich die Bewertung bezieht.

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Problematisch Besser

Welche Aussagen treffen auf qualitative Forschung zu?

a) Sie verwendet offene Fragen und arbeitet induktiv.

b) Sie arbeitet deduktiv und verwendet standardisierte Verfahren.

c) Sie erhebt keine quantitativen Daten und fokussiert auf objektive Messbarkeit.

d) Sie nutzt offene Fragen, verzichtet auf Hypothesen und basiert auf kleinen Fallzahlen.

Welche Aussagen treffen auf qualitative Forschung zu?

a) Sie arbeitet mit offenen Fragen.

b) Sie kann theoretisch geleitet sein.

c) Sie verwendet numerische Skalen zur Auswertung.

d) Sie zielt auf die Exploration komplexer Zusammenhänge.

Falsche Optionen («Distraktoren») müssen fachlich plausibel sein

Falsche Optionen sollen realistisch, aber nicht korrekt sein. So prüfen Sie Wissen, nicht Ausschlusslogik.

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Problematisch Besser

Welche der folgenden Substanzen senkt den Blutzucker?

a) Glukose

b) Insulin

c) Wachstumshormon

d) Hydrokortison

Welche der folgenden Substanzen senkt den Blutzucker?

a) Insulin

b) Glukagon

c) Cortison

d) Adrenalin

Alle Optionen müssen formal vergleichbar sein

Antworten sollen gleich lang, ähnlich strukturiert, gleich detailliert und grammatikalisch konsistent sein. Nur so wird vermieden, dass richtige Antworten auffallen oder falsche Antworten durch formale Merkmale ausscheiden.

Unterschiedliche Länge
Problematisch Besser

a) Umlagern

b) Einsatz von Wechseldruckmatratzen

c) Patient aufklären, regelmässig lagern, Haut beobachten und dokumentieren

d) Mobilisation fördern


a) Regelmässige Umlagerung

b) Einsatz von Spezialmatratzen

c) Hautkontrollen durchführen

d) Mobilisation unterstützen


Unterschiedliche Struktur
Problematisch Besser

a) Weil es Nebenwirkungen gibt

b) Unwahrscheinlich

c) Eine Kontraindikation

d) Nicht indiziert

 

a) Wegen möglicher Nebenwirkungen

b) Wegen fehlender Evidenz

c) Wegen bestehender Kontraindikation

d) Wegen fehlender Indikation

 

Unterschiedliche Detailtiefe
Problematisch Besser

a) Erhöht die Lebenserwartung

b) Kann bei Patient*innen mit NYHA III langfristig die linksventrikuläre Funktion verbessern

 

a) Verbessert die Prognose

b) Stabilisiert die Herzfunktion

c) Reduziert die Symptomatik

d) Senkt das Rehospitalisierungsrisiko

 

Unterschiedliche grammatikalische Form
Problematisch Besser

a) Vitamin C

b) enthält kein Eisen

c) Die Wirkung ist antioxidativ

d) Mineralstoffe sind enthalten

 

a) Enthält Vitamin C

b) Enthält Eisen

c) Enthält antioxidative Substanzen

d) Enthält Mineralstoffe


Unterschiedliche Verneinungslogik
Problematisch Besser

a) Fördert nicht die Durchblutung

b) Senkt die Herzfrequenz

c) Wirkt nicht auf die Nieren

d) Reduziert den Blutdruck

 

a) Fördert die Durchblutung

b) Senkt die Herzfrequenz

c) Wirkt auf die Nieren

d) Reduziert den Blutdruck

 

Vermeiden Sie negativ formulierte Fragen

Negativfragen («Welche Aussage trifft nicht zu?») führen oft zu Missverständnissen. Formulieren Sie stattdessen positiv – oder heben Sie die Verneinung deutlich hervor, wenn sie notwendig ist.

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Problematisch Besser

Welche der folgenden Aussagen trifft nicht zu?

a) Das Medikament wirkt schnell

b) Es hat Nebenwirkungen

c) Es senkt den Blutdruck

d) Es hat keine Wirkung auf das Herz

Welche der folgenden Aussagen trifft zu?

a) Wirkt langsam

b) Führt zu Nebenwirkungen

c) Erhöht den Blutdruck

d) Wirkt auf das Herz

Achten Sie auf grammatikalische Anschlussfähigkeit

Antwortoptionen müssen grammatikalisch zum Fragetext passen. So verhindern Sie, dass die richtige Antwort an der Form erkannt wird.

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Problematisch Besser

Die WHO wurde gegründet, um ...

a) Krankheiten zu bekämpfen

b) Förderung der Gesundheit

c) verbesserte Lebensbedingungen

d) Umsetzung von Impfprogrammen

Die WHO wurde gegründet, um ...

a) Krankheiten zu bekämpfen

b) Gesundheit zu fördern

c) Lebensbedingungen zu verbessern

d) Impfprogramme umzusetze

Vermeiden Sie sprachliche oder fachliche Auffälligkeiten nur in der richtigen Antwort

Die richtige Antwort darf sich nicht durch Fachsprache oder Präzision von den falschen abheben. Andernfalls erkennen Studierende sie ohne inhaltliches Wissen.

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Problematisch Besser

Wie kann ein chronisches Schmerzsyndrom behandelt werden?

a) Man sollte abwarten

b) Ruhe hilft oft

c) Es braucht eine multimodale Schmerzstrategie

d) Schmerzmittel können helfen

Wie kann ein chronisches Schmerzsyndrom behandelt werden?

a) Durch physiotherapeutische Aktivierung

b) Durch passive Ruhigstellung

c) Durch multimodale Schmerzstrategie

d) Durch medikamentöse Therapie

Verzichten Sie auf «alle richtig» / «keine zutreffend» / «A und B»

Diese Optionen führen zu Unklarheit, ob jede Aussage einzeln geprüft werden soll oder nur die Gesamtaussage zählt – und fördern Raten, da sich Studierende am Antwortmuster orientieren können (z.B. «Wenn zwei stimmen, gilt wohl ‹alle›»), statt jede Aussage fachlich zu beurteilen. Formulieren Sie eigenständige Antwortoptionen.

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Problematisch Besser

Welche Aussagen zur Rolle der Pflegefachperson sind korrekt?

a) Sie plant pflegerische Massnahmen auf Basis der individuellen Bedarfslage.

b) Sie trifft eigenständig therapeutische Entscheidungen.

c) Sie beteiligt sich an der Evaluation des Behandlungserfolgs.

d) A und C.

e) Alle oben genannten.

Welche Aussagen zur Rolle der Pflegefachperson sind korrekt?

a) Sie plant pflegerische Massnahmen auf Basis der individuellen Bedarfslage. 

b) Sie trifft eigenständig therapeutische Entscheidungen.

c) Sie beteiligt sich an der Evaluation des Behandlungserfolgs. 

d) Sie verordnet Medikamente nach eigenem Ermessen.

Verzichten Sie auf absolute Begriffe («immer», «niemals»)

Solche Formulierungen sind meist zu extrem und leicht als falsch zu erkennen. Vermeiden Sie auffällige sprachliche Hinweise.

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Problematisch Besser

Bluthochdruck führt immer zu Schlaganfällen.

Bluthochdruck erhöht das Risiko für Schlaganfälle.

Antwortoptionen sollten unabhängig vom Fragetext verständlich sein

Antwortoptionen sollten auch für sich allein sinnvoll sein.

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Problematisch Besser

Die Bologna-Reform hatte zum Ziel …

a) … die Studienzeiten zu verkürzen.

b) … internationale Mobilität zu fördern.

c) … neue Studiengänge zu schaffen.

d) … die Prüfungsdichte zu erhöhen.

Welche Ziele wurden mit der Bologna-Reform verfolgt?

a) Die Studienzeiten sollten verkürzt werden.

b) Die internationale Mobilität sollte gefördert werden.

c) Neue Studiengänge sollten eingeführt werden.

d) Die Prüfungsdichte sollte erhöht werden.

Nur eine richtige oder beste Antwort zulassen (bei Single Choice)

Es darf nur eine Antwort fachlich korrekt bzw. die beste im gegebenen Kontext sein. Alle anderen Optionen müssen plausibel aber klar falsch oder weniger zutreffend sein.

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Problematisch Besser

Was ist eine geeignete Massnahme zur Dekubitusprophylaxe?

a) Regelmässiges Umlagern

b) Bewegungsförderung

c) Hautbeobachtung

d) Flüssigkeitszufuhr

Was ist die wichtigste Massnahme zur Dekubitusprophylaxe?

a) Regelmässiges Umlagern

b) Körperpflege intensivieren

c) Schmerzmedikation anpassen

d) Ernährung dokumentieren

Vermeiden Sie geschlossene Fragen, bei denen Meinungen abgefragt werden

Subjektive Einschätzungen lassen sich nur mit offenen Fragen und Begründungspflicht sinnvoll prüfen.

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Problematisch Besser

Welcher der folgenden Aspekte stellt Ihrer Meinung nach einen Vorteil der Digitalisierung in der Pflege dar?

a) Die Digitalisierung entlastet Pflegekräfte bei administrativen Aufgaben. 

b) Durch digitale Anwendungen wird die Kommunikation mit Angehörigen transparenter gestaltet.

c) Digitale Systeme fördern die eigenständige Organisation der Pflegekräfte.

d) Die Nutzung digitaler Technologien verbessert das Serviceangebot.

Welcher der folgenden Aspekte stellt Ihrer Meinung nach einen Vorteil der Digitalisierung in der Pflege dar?

a) Die Digitalisierung entlastet Pflegekräfte bei administrativen Aufgaben. 

b) Durch digitale Anwendungen wird die Kommunikation mit Angehörigen transparenter gestaltet.

c) Digitale Systeme fördern die eigenständige Organisation der Pflegekräfte.

d) Die Nutzung digitaler Technologien verbessert das Serviceangebot.

Ressourcen

Krebs, R. (2019). Prüfen mit Multiple Choice. Hogrefe.

ZHAW Teaching Guide